ISO 9001:2026: Änderungen, Fristen und Zertifizierung
ISO 9001:2026 ist am 16. September 2026 erschienen und löst ISO 9001:2015 ab; die deutsche Fassung ist DIN EN ISO 9001:2026-11. Die Änderungen sind überschaubar: Die Leitung muss Qualitätskultur und ethisches Verhalten fördern, Risiken und Chancen werden getrennt behandelt, Änderungen am QM-System strenger gesteuert. Zertifikate nach ISO 9001:2015 gelten noch bis zum 30. September 2029.
Von Richard Weber, Gründer von QMreport · Stand 31.10.2026
Was ist ISO 9001:2026?
ISO 9001 legt fest, welche Anforderungen ein Qualitätsmanagementsystem (QMS) erfüllen muss, damit ein Unternehmen dauerhaft Produkte und Dienstleistungen liefert, die die Anforderungen seiner Kunden und die gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Die Norm ist branchenunabhängig und die Grundlage für mehr als eine Million akkreditierte Zertifikate weltweit. Sie ist außerdem die Basis von Branchenstandards wie IATF 16949 (Automobil), EN 9100 (Luft- und Raumfahrt) oder ISO 22163 (Bahn).
Die sechste Ausgabe, ISO 9001:2026, ist am 16. September 2026 erschienen und ersetzt ISO 9001:2015 samt der Klima-Ergänzung Amd 1:2024. Die deutsche Fassung erscheint als DIN EN ISO 9001:2026-11. Parallel wurde auch die Begriffsnorm ISO 9000 überarbeitet.
Was hat sich gegenüber ISO 9001:2015 geändert?
Die Revision ist eine Weiterentwicklung, keine Neufassung. Die Gliederung in die Kapitel 4 bis 10 bleibt, der Text ist an die aktuelle Harmonisierte Struktur angepasst, die ISO für alle Managementsystemnormen vorgibt. Global ACI, der internationale Dachverband der Akkreditierungsstellen, bezeichnet die Änderungen als „minimal“ und erwartet, dass Unternehmen sie mit vertretbarem Aufwand umsetzen. Die inhaltlich relevanten Punkte:
| Abschnitt | Was ist neu? | Was ist zu tun? |
|---|---|---|
| 3 Begriffe | Wenige Begriffe der Harmonisierten Struktur, ergänzt um Qualitätsmanagementsystem, Qualitätspolitik und Qualitätsziele. | Keine; ISO 9000 bleibt die maßgebliche Begriffsnorm. |
| 4.1, 4.2 Kontext | Die Klima-Ergänzung von 2024 ist fest eingearbeitet: Die Organisation bestimmt, ob der Klimawandel für sie ein relevantes Thema ist. | Bewertung durchführen und festhalten, falls seit 2024 noch nicht geschehen. |
| 5.1.1 Führung | Neuer Punkt i): Die oberste Leitung fördert eine Qualitätskultur und ethisches Verhalten. Aus „Verbesserung“ wird „fortlaufende Verbesserung“. | Zeigen, wie die Leitung Werte und Verhalten vorlebt und vermittelt. |
| 5.2.1 Qualitätspolitik | Der Bezug zu Kontext und strategischer Ausrichtung steht in einem eigenen Punkt e). | Politik und Ziele gegen die Unternehmensstrategie prüfen. |
| 6.1 Risiken und Chancen | Neu gegliedert: 6.1.1 Risiken und Chancen bestimmen, 6.1.2 Maßnahmen zu Risiken, 6.1.3 Maßnahmen zu Chancen. | Chancen eigenständig bewerten, nicht nur als Kehrseite der Risiken. |
| 6.3 Planung von Änderungen | Neu e) bis g): Wirksamkeit der Änderung überwachen und bewerten, Änderung kommunizieren, Ergebnisse überprüfen. | Änderungsprozess um Wirksamkeitskontrolle und Kommunikation erweitern. |
| 7.3 Bewusstsein | Neuer Punkt e): Beschäftigte kennen die Qualitätskultur und das ethische Verhalten der Organisation. | In Unterweisung und Einarbeitung aufnehmen. |
| 9.3.2 Managementbewertung | „Muss enthalten“ statt „unter Berücksichtigung von“; neue Eingabe c): Änderungen bei Erfordernissen und Erwartungen interessierter Parteien. | Vorlage der Managementbewertung um den neuen Punkt ergänzen. |
| Anhang A und B | Anhang A erläutert Struktur, Begriffe und Absicht der Anforderungen, ohne neue Anforderungen. Anhang B entfällt. | Keine; Anhang A eignet sich als Auslegungshilfe. |
Dazu kommen redaktionelle Änderungen, vor allem bei der dokumentierten Information. Die Formulierungen folgen jetzt der Harmonisierten Struktur, und es ist klarer gefasst, was „muss als dokumentierte Information verfügbar sein“ bedeutet.
Was bedeuten Qualitätskultur und ethisches Verhalten?
Das ist die sichtbarste Neuerung. Die Norm beschreibt Qualitätskultur und ethisches Verhalten in einer Anmerkung als etwas, das sich in den gemeinsamen Werten, Einstellungen und gelebten Praktiken einer Organisation zeigt. Sie verlangt kein bestimmtes Dokument, aber der Auditor wird nach Belegen fragen. Typische Nachweise sind:
- Werte oder ein Verhaltenskodex, die die Leitung kommuniziert und selbst einhält
- Ein Umgang mit Fehlern, bei dem Abweichungen gemeldet statt verschwiegen werden
- Ein Meldeweg für Bedenken, zum Beispiel zu Qualitätsmängeln, Druck auf Prüfergebnisse oder Fälschungen
- Themen in Einarbeitung und Unterweisung, damit Beschäftigte die Erwartungen kennen (7.3 e)
- Entscheidungen der Leitung, die Qualität auch unter Termin- oder Kostendruck Vorrang geben
In der Qualitätssicherung heißt das ganz praktisch: Ein Prüfer darf ein Teil nicht freigeben, nur weil der Liefertermin drängt. Messwerte werden so dokumentiert, wie sie gemessen wurden.
Was bleibt gleich?
Prozessorientierter Ansatz, risikobasiertes Denken und der PDCA-Zyklus bleiben die Grundlage. Auch die Anforderungen an den Betrieb in Kapitel 8, von der Planung über die Produktion bis zur Freigabe, sind im Kern unverändert. Weder die Übersicht von Global ACI noch der Änderungsvermerk von DIN nennen dort neue Anforderungen. Ein funktionierendes QM-System nach ISO 9001:2015 muss also nicht neu aufgebaut, sondern an den genannten Stellen ergänzt werden.
Fristen: Bis wann muss umgestellt werden?
Die Übergangsfrist beträgt drei Jahre. Verbindlich festgelegt hat sie Global ACI, die Organisation, die seit Januar 2026 die Aufgaben des früheren International Accreditation Forum (IAF) übernommen hat:
| Datum | Was passiert |
|---|---|
| 16.09.2026 | ISO 9001:2026 erscheint (englische Fassung) und ersetzt ISO 9001:2015 einschließlich Amd 1:2024. |
| November 2026 | Deutsche Fassung DIN EN ISO 9001:2026-11 (zweisprachig Deutsch/Englisch). |
| 31.03.2027 | Akkreditierungsstellen wie die DAkkS müssen spätestens jetzt Zertifizierungsstellen für die neue Fassung begutachten können. |
| 30.09.2027 | Die Akkreditierungsstellen haben über die Umstellung der Zertifizierungsstellen entschieden. |
| 31.03.2028 | Danach werden keine Erstzertifikate nach ISO 9001:2015 mehr ausgestellt. |
| 30.09.2029 | Ende der Übergangsfrist: Zertifikate nach ISO 9001:2015 verlieren ihre Gültigkeit. |
Die Umstellung bestätigt die Zertifizierungsstelle in einem Übergangsaudit. Es kann mit dem regulären Überwachungs- oder Rezertifizierungsaudit verbunden werden oder als eigenes Sonderaudit stattfinden. Geprüft werden mindestens die geänderten Anforderungen, Änderungen im Kontext des Unternehmens und der sonstige Anpassungsbedarf im QM-System. Ob dafür zusätzliche Auditzeit anfällt, entscheidet die Zertifizierungsstelle im Einzelfall.
So stellen Sie Ihr QM-System um
- Die Norm beschaffen und das Team schulen, besonders die internen Auditoren.
- Eine Gap-Analyse durchführen: Jede Zeile der Änderungstabelle oben mit dem eigenen System abgleichen.
- Die Klima-Bewertung nach 4.1 und 4.2 prüfen. Viele Unternehmen haben sie seit 2024 schon, andere noch nicht.
- Qualitätspolitik und Qualitätsziele mit der Unternehmensstrategie abgleichen (5.2.1 e).
- Festlegen und belegen, wie die Leitung Qualitätskultur und ethisches Verhalten fördert (5.1.1 i).
- Risiken und Chancen getrennt bewerten und getrennte Maßnahmen planen (6.1.2, 6.1.3).
- Den Änderungsprozess um Wirksamkeitskontrolle, Kommunikation und Ergebnisprüfung ergänzen (6.3).
- Die Vorlage für die Managementbewertung um die neue Eingabe 9.3.2 c erweitern.
- Ein internes Audit gegen ISO 9001:2026 durchführen und die Ergebnisse in der Managementbewertung behandeln.
- Mit der Zertifizierungsstelle den Termin für das Übergangsaudit abstimmen.
Planen Sie die Umstellung nicht auf den letzten Termin. Die Übergangsaudits aller zertifizierten Unternehmen fallen in dieselben drei Jahre. Wer erst im Sommer 2029 anfragt, riskiert eine Lücke zwischen altem und neuem Zertifikat.
Wie bekommt man ein ISO-9001-Zertifikat?
Für Unternehmen, die sich zum ersten Mal zertifizieren lassen, läuft es nach ISO/IEC 17021-1 in diesen Schritten ab:
- Geltungsbereich festlegen: Welche Standorte, Produkte und Prozesse das QM-System umfasst.
- QM-System aufbauen: Kontext und interessierte Parteien bestimmen, Qualitätspolitik und Ziele festlegen, Risiken und Chancen bewerten, Prozesse beschreiben und die nötige dokumentierte Information lenken.
- System betreiben: Das System muss eine Weile laufen und Aufzeichnungen erzeugen: Prüfungen, Reklamationen, Schulungen, Lieferantenbewertungen.
- Internes Audit und Managementbewertung mindestens einmal vollständig durchführen. Beides will der Auditor sehen.
- Zertifizierungsstelle wählen: In Deutschland auf eine Akkreditierung durch die DAkkS achten. Akkreditierte Zertifikate werden über das Abkommen von Global ACI international anerkannt, und viele Kunden verlangen sie ausdrücklich.
- Stufe-1-Audit: Die Zertifizierungsstelle prüft Dokumentation und Zertifizierungsreife und plant Stufe 2.
- Stufe-2-Audit: In der Regel vor Ort wird geprüft, ob das System wirksam umgesetzt ist. Für festgestellte Abweichungen weist das Unternehmen Korrekturen nach, bevor über das Zertifikat entschieden wird.
- Zertifikat und Überwachung: Das Zertifikat gilt drei Jahre. In dieser Zeit findet mindestens einmal im Kalenderjahr ein Überwachungsaudit statt, danach folgt die Rezertifizierung.
Wie viele Audittage sind nötig?
Die Auditzeit richtet sich vor allem nach der Zahl der Beschäftigten im Geltungsbereich (einschließlich Teilzeitkräften und befristet Beschäftigten). Ausgangspunkt für das Erstaudit ist die Tabelle QMS 1 aus IAF MD 5, die heute als Global-ACI-Dokument weitergilt. Ein Audittag hat in der Regel acht Stunden:
| Beschäftigte | Erstaudit, Stufe 1 + 2 (Tage) |
|---|---|
| 1–5 | 1,5 |
| 6–10 | 2 |
| 11–15 | 2,5 |
| 16–25 | 3 |
| 26–45 | 4 |
| 46–65 | 5 |
| 66–85 | 6 |
| 86–125 | 7 |
| 126–175 | 8 |
| 176–275 | 9 |
| 276–425 | 10 |
Die Zertifizierungsstelle passt den Ausgangswert an Risiko und Komplexität an. Kürzungen sind auf höchstens 30 Prozent begrenzt. Ein Überwachungsaudit dauert etwa ein Drittel, eine Rezertifizierung etwa zwei Drittel der Zeit eines Erstaudits, jeweils kaum unter einem Tag. Ein Betrieb mit 20 Beschäftigten kommt also auf rund drei Audittage für die Erstzertifizierung und etwa einen Tag pro Jahr für die Überwachung.
Die Kosten ergeben sich aus den Audittagen mal dem Tagessatz der Zertifizierungsstelle plus Nebenkosten wie Reise und Zertifikatsgebühr. Holen Sie mehrere Angebote ein und vergleichen Sie die kalkulierten Audittage. Ein deutlich zu niedriger Ansatz ist ein Warnzeichen. Den größten Aufwand verursacht meist ohnehin die eigene Vorbereitung, nicht das Audit.
Welche Rolle spielen Prüfberichte im Audit?
In Kapitel 8 will der Auditor Nachweise sehen, dass Produkte geprüft wurden, bevor sie das Haus verlassen. Prüfberichte sind dafür der wichtigste Beleg:
| Abschnitt | Anforderung | Typischer Nachweis |
|---|---|---|
| 7.1.5 | Geeignete, bei Bedarf kalibrierte Mess- und Prüfmittel | Prüfmittelliste, Kalibriernachweise, Prüfmittel je Merkmal im Prüfbericht |
| 8.5.2 | Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit, wo gefordert | Auftrags-, Los- oder Seriennummer im Prüfbericht |
| 8.6 | Freigabe erst nach erfolgreicher Prüfung | Prüfbericht mit Ergebnis je Merkmal und Name der Person, die freigegeben hat; beim Erstmuster der Erstmusterprüfbericht |
| 8.7 | Steuerung fehlerhafter Ergebnisse | Markierte Abweichungen, Entscheidung (Nacharbeit, Sonderfreigabe, Ausschuss) |
Ein guter Prüfbericht macht jedes Merkmal nachvollziehbar: eine ballonierte Zeichnung, deren Nummern den Zeilen im Bericht entsprechen, Sollwerte als Grenzmaße, gemessene Istwerte und eine klare Bewertung. Eine kostenlose Prüfbericht-Vorlage für Word finden Sie in unserem Ratgeber. QMreport übernimmt die Vorbereitung: Es erkennt die Prüfmerkmale auf der Zeichnung, erzeugt die ballonierte Zeichnung und füllt die Merkmalsliste in Ihre Word-Vorlage. Messen, bewerten und freigeben bleibt Aufgabe des Prüfers.
Quellen
- Global ACI: Transition Requirements for ISO 9001:2026 (TECH-3-TR 2029-09-30, Version 1.0, 04.09.2026)
- DIN Media: DIN EN ISO 9001:2026-11, Änderungsvermerk
- ISO: Pressemitteilung zur Veröffentlichung von ISO 9001:2026
- IAF MD 5:2019, Determination of Audit Time of QMS, EMS and OH&SMS
Hinweis: Dieser Überblick ersetzt nicht den Normtext. Maßgeblich sind DIN EN ISO 9001:2026 und die Übergangsregeln Ihrer Zertifizierungsstelle. Stand der Fristen: Global ACI, Version 1.0 vom 4. September 2026.
Häufige Fragen
+Ist mein Zertifikat nach ISO 9001:2015 noch gültig?
Ja. Es gilt bis zu seinem Ablaufdatum, längstens aber bis zum 30. September 2029. Bis dahin muss die Umstellung auf ISO 9001:2026 in einem Audit bestätigt und das neue Zertifikat ausgestellt sein.
+Brauche ich für die Umstellung ein separates Audit?
Nicht unbedingt. Das Übergangsaudit kann mit dem nächsten Überwachungs- oder Rezertifizierungsaudit verbunden oder als Sonderaudit durchgeführt werden, unter Umständen auch remote. Die Zertifizierungsstelle prüft, ob dafür zusätzliche Auditzeit nötig ist.
+Kann ich mich schon jetzt nach ISO 9001:2026 zertifizieren lassen?
Erst, wenn Ihre Zertifizierungsstelle von ihrer Akkreditierungsstelle (in Deutschland der DAkkS) für die neue Fassung zugelassen ist. Die Akkreditierungsstellen haben dafür bis zum 30. September 2027 Zeit. Fragen Sie Ihre Zertifizierungsstelle nach ihrem Stand.
+Brauche ich ein QM-Handbuch?
Nein. Seit ISO 9001:2015 ist ein QM-Handbuch nicht mehr vorgeschrieben, daran ändert die Fassung 2026 nichts. Gefordert ist dokumentierte Information dort, wo die Norm sie verlangt oder wo Sie sie für wirksame Prozesse brauchen.
+Muss ich wegen der Klima-Anforderung eine CO₂-Bilanz erstellen?
Nein. ISO 9001 bleibt eine Qualitätsnorm. Gefordert ist, dass Sie bestimmen, ob der Klimawandel für Ihr Unternehmen ein relevantes Thema ist, und ihn dann im QM-System berücksichtigen. Wie weit das geht, hängt von Ihrem Kontext ab.
+Was kostet die Norm selbst?
DIN EN ISO 9001:2026-11 kostet bei DIN Media als PDF 161,20 Euro inklusive Mehrwertsteuer (Stand Oktober 2026). Die Ausgabe ist zweisprachig und enthält den deutschen und den englischen Text.